"Nur" Musik
Disclaimer: Dieser Text dient nicht der musikwissenschaftlichen Einordnung von Gernsheims Musik, wie sie schon vielfach erfolgt ist, sondern ist eher ein Mitschreiben beim Üben und Proben, ein "lautes Lesen" im Notentext:
Wir suchen musikalische Räume, zu denen Gernsheims Musik eine Tür öffnet. Und Blochs Musik. Und Schostakowitschs Musik. Und viele andere Werke, die noch kommen könnten.
Der Prozess der Annäherung an ein Format ergab nun die Auswahl zweier großer Kammermusikwerke von Gernsheim und - unüblich - zweimal zweier Sätze anderer Werke: die vordere Hälfte des Bloch-Quartetts und die hintere Hälfte des Schostakowitsch-Trios.
Wir machen - nur - Musik. Wir sagen nichts über Identitäten, nichts über die Vergangenheit, nichts über Personen. Wir können nichts wieder gut machen, nichts und niemanden zurückholen, wir haben Fragen, keine Antworten. Anstöße, nicht Lösungen. Anregungen, keine Statements. Begeisterung, keine Vergleiche.
Unsere Konzerte stehen deshalb unter Überschriften, unter Themen, entdeckt in Gernsheims Kammermusik, aber auch vielfach an unterschiedlichsten anderen Stellen: Wenn Sprachen ineinander übergehen, das Innere nach außen muss, wenn Sagen Singen wird, Regung zur Geste, Absicht zur Form, Trauer zum Tanz, Gleichzeitigkeiten sich gegenseitig Erinnerungen schaffen, Zeit stockt und Stimmen verstellt werden, wenn aus Passivität Kraft entsteht, und viele andere eben rein musikalische Dinge passieren...dann gibt es ein Aufhorchen, ein Nachhören, ein Suchen nach Parametern wie Äußerlichkeit und Innerlichkeit, Zeitverschiebung und Gleichzeitigkeit, Sprechen und Singen, Tanz und Trauer. Irgendwo dazwischen kann Musik sein.
Zum Beispiel Gernsheims erstes Klaviertrio F-Dur
Allegro ma non troppo
Es wird nicht einfach losgelaufen. Vom ersten Ton an ist ein ungewöhnlicher Schritt zu lernen, ein bisschen unerwartet beginnt dieser Tanz, der sich alsbald charmant befreit durch rhythmische Spiele: Umdeutungen, Nachschläge, Betonungsverschiebungen, Verwirrspiele aller Art, Ablenkungen eben! Versuch's, es wird schon gehen - und dabei wird es sogar noch Zeit geben zum für Gedankeneinschübe: Der Komponist ist ein Menschenfreund, denkt man, und fasst Mut: Es ist ein höflicher Tanz, der sich an sich selbst freut, die Konvention wahrt, der sich Zeit lässt. Und auch das Singen hat Platz genug und setzt sich schillernd auf das Geflecht – wie neue und freundschaftliche Gedanken, die aber immer Raum finden in den bekannten Gepflogenheiten: Leidenschaft, die niemandem schadet, Abgeklärtheit, die Details leben lässt, erfreuliche Überraschungen, die nichts in Frage stellen, innere Wärme, die sich durch nichts verlieren kann: Es ist noch lange nicht nötig, grundsätzlich zu werden. Die Romantik ist befreundet mit uns. Willkommen in der Schönheitenmanufaktur Kammermusik!
Allegro molto vivace
Und los: ungestüm und virtuos ohne Hintergedanken, einfach aus Freude an der Bewegung.
Unterschiedliche Betonungsmuster - gleichzeitig oder komplementär – wachsen zunehmend zu umfassenden Bewegungsideen, und die treten in wundersame Wechselspiele.
Wie wenn man beim Betrachten rückwärts ginge, entsteht im Eindruck von Verdichtung ein immer wachsender Kosmos mit immer neuen Ideen, die sich sofort an sich selbst begeistern und entzünden.
Trio: Unerwartete Fragen führen einen, überrascht, wie man ist, in eine grundsätzlichere Welt:
Was, wenn es nie eine Antwort geben kann, weil die Frage noch eine Dimension hat, die man noch gar nicht erkannt hat: Das ist bedeutender, als du denkst, und auch ernster.
Man ist nicht ganz sicher, ist man NOCH im Theater oder SCHON in der Welt, ist die Dramatik noch händelbar? Kunst und Leben: Wie viel Kunst man ins Leben, in das komplizierte und verzettelte und kleinteilige und irgendwie auch langweilige und alltägliche Leben lässt und wieviel von diesem Leben der Kunst gut tut – darüber kann man nicht sicher sein.
Aber: Wir hatten doch die Antwort schon, wir hatten auch die Kompetenzen schon und die guten Ideen, weisst du noch? Warum um alles in der Welt soll man die Fragen nach der Antwort stellen? Eben. Also Da Capo!
Largo
Trauer? Das Klavier fragt, Streicher wissen es auch nicht. Und du? Und du? Die Violine fasst sich ein Herz und öffnet ihre großen Gedanken, das Cello unterstützt sie, wie wenn es darauf gewartet hätte seit langer Zeit. Auch darüber können wir sprechen. Klavier fragt weiter - und entscheidet sich, die antwortenden Überlegungen zu unterstützen. Ja, Trauer kann es sein.
Und dann ist da ist der magische Spruch, bei dem alles gut wird. Ich weiß. Ich weiß.
Und gleich kommt die Erinnerung daran, dass schon mal alles gut gewesen sein könnte. Und dass das von selbst einfach wieder kommen kann. Gleichzeitigkeiten in der Musik: Zustimmen, ohne etwas beurteilen zu können, einfach weil es die Zeit der Zustimmung ist. Erkennen, wann Sprechen nicht mehr reicht. Wann Denken Fühlen werden muss. Wann es Gesang braucht, weil man einen Gedanken in keine Sprache der Welt mehr übersetzen kann. Wann man mitgehen kann, einfach so, welche Unterstützung eine Melodie braucht: harmonisch, rhythmisch. Der Gedanke ist gut, wie kann ich ihm helfen? Begleiten, imitieren, umspielen, bisschen widersprechen,...braucht er Reibung, braucht er Atmosphäre, braucht er Intensität?...er braucht alles. Er muss gehört sein, das ist schon viel, damit er sich auch mutig weiterbegeben kann ins
Finale, Allegro moderato assai
Dieser Tanz klingt wie eine sich ins Brodelnde steigernde Zufriedenheit, die sich aufbaut, von Girlande zum Statement in wenigen Takten! Und dann kehrt er voll Übermut zu den rhythmischen Spielen zurück.
Denn dann hat er nämlich das Gelände bereitet für die Melodie aller Melodien (eine von vielen des großen Melodikers!), die umspielungsgeeignet ist, aber auch weiterführungsfähig, die sich sogar verlieren, verzetteln, unterbrechen, reflektieren lassen kann und zurückspringt in die alte Selbstverliebtheit , die sich aber auch dauernd selbst unterbricht, weil sie es sich leisten kann: Macht nix, wir spielen nur.
Wir können sogar ein bisschen kompliziert werden, Spass an Denkspielen ist auch Sinnenfreude, denn wir wissen auch, wir wittern es wie den Frühling - denn es liegt in der Luft - unsere Lieblingsmelodie kriegt nochmal richtig Sendezeit!
Geist und Herz, Leib und Seele, Bewegung und Gesang, erklären und erfühlen, Zweifel und Großzügigkeit, und sogar in einer ganz groß gedachten Welt Tanz und Trauer: Alles kann zusammenkommen: Welche Freude.
Zum Beispiel Ernest Blochs Baal Shem
In "drei Bildern des chassidischen Lebens" hören wir das große Trauern (Vidui-Reue), das große Singen (Nigun-Improvisation) und das große Tanzen (Simchat Tora-Freude).
"Groß", weil es - nach dem Gründer der chassidischen Bewegung Baal Shem Tov benannt – auch außermusikalisch große Themen angeht, und auch wenn man der glühenden Geheimnisse des Kontextes unkundig ist, spricht die Musik unmittelbar da, wo Worte längst machtlos geworden wären: Von Innerlichkeit, Liturgie, persönlicher Spiritualität und Gemeinschaft, vom Weg vom tiefen Gefühl zur Geste, die es sichtbar macht. Von der individuellen Vokalise, dem Singen ohne Text bis hin zum Tanz, den alle teilen können. Das Innere nach außen tragen: Dazu gibt's Musik, über die Zeiten, über die Religionen, und noch tiefer hinab führt sie uns, auch wenn wir gar nichts wissen, in etwas, was noch weiter darunter liegt. Neil W. Levin schreibt in seinen Anmerkungen: "Denn es handelt sich hier (...) um eine -mal gefühlvolle, mal virtuose- Erkundung des zugrundelegenden Geistes chassidischer Frömmigkeit und Hingabe. Das Werk erkundet diesen Geist im Kontext des umfassenderen Verständnisses der jüdischen Geistesgeschichte des Komponisten, das in seiner Psyche untrennbar mit dem Glanz der jüdischen Antike und seinem tiefen Stolz auf dieses Erbe verbunden ist."
Zum Beispiel Dmitri Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 2, III. und IV. Satz
Die Passacaglia, eine immer wieder neu umformulierte Klage: zwischen Sprechen und Singen bekommt die Trauer ihre Form. Durch ständiges Übersetzen wächst die Kraft der sich ablösenden Instrumente. Und durch die Hoffnung, gehört und irgendwann verstanden zu werden. Hoffnung durch sich steigernde Hoffnungslosigkeit, Kraft durch Hingabe an die eigene Schwäche.
Es folgt der Tanz, wieder in dieser zwingenden anämischen Passivität, der niemand entkommt, mit den dumpfen oder klappernden Geräuschen und verstellten oder vertauschten Stimmen.
Die klanglichen Möglichkeiten der Instrumente werden ins Absurde geführt: Wo spielt man fortissimo mit Dämpfer? Wird getanzt, weil man des Singens beraubt ist? Kann man dazu gezwungen werden? Gibt es einen sozusagen äußerlichen Tanz, einen Tanz der Erschöpften, die nicht aufhören können oder dürfen? Der Anti-Tanz, durchgejagt mit gebundenen Füssen, der nichts, aber auch gar nichts mit bürgerlichem Spieltrieb oder von innen gespeister Glaubensfreude zu tun hat?
Wir kehren zurück in den (ungehörten) Anfang, den Anfang der Vergangenen, den wir nicht mehr wissen können. Erinnerungen aber erkennt man immer, auch die der anderen, voller Respekt vor dem, was war.
Wir empfehlen den Text von Claus Christian Schuster!
Zum Beispiel 1916...ein Jahr der Gleichzeitigkeiten
In Berlin trauert FG 77jährig um seine Tochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam.
Paul Hindemith ist Konzertmeister der Frankfurter Oper.
Der Schweizer EB schliesst sich mit 36 Jahren der Amerikatournee einer erfolglosen Tanzkapelle an.
In Zürich gründen die Dadaisten das Cabaret Voltaire.
Von Februar bis Dezember dauert die Schlacht von Verdun.
Vielfach geehrt zieht sich der Meister FG zurück. Er hat in Meran und Berlin ein Streichquintett mit 2 Celli geschrieben, das erst 86 Jahre später im Druck erscheint und vermutlich erst 100 Jahre später öffentlich gespielt wird.
Arnold Schönberg beginnt sich so langsam mit der Zwölftontechnik zu befassen.
EB schreibt in den USA ein Streichquartett, das fast eine Stunde dauert, und findet ein Ensemble, welches es im Dezember 1916 aufführt.
Am 11. September stirbt FG in Berlin.
In Wien wird die zweite Fassung von Richard Strauss' Ariadne auf Naxos uraufgeführt.
EB findet Interesse und Unterstützung und kann in den USA bleiben.
Woodrow Wilson wird zum zweitenmal Präsident der USA.
Alma Mahler-Werfel und Walter Gropius bekommen eine gemeinsame Tochter, Manon.
EBs Quartett kommt aus einer "neuen Welt": expressionistisch, klangverliebt, ausufernd, orchestral, filmisch.
Das preussische Kriegsministerium ordnet auf Betreiben rechter völkischer Verbände die sog. "Judenzählung" an.
FGs Quintett blickt zurück auf die deutsche Romantik – mit dem visionären Blick eines alten Wunderkindes, eines Musikers von Kindesbeinen an, der wahrscheinlich annähernd jeden Ton der deutschen Musik seiner Zeit kannte und selbst gespielt oder dirigiert hatte.
Uraufgeführt werden außerdem Das Dreimäderlhaus, Savitri, zwei Einakter von Korngold, Die Rose von Stambul
Und dann?
EB feiert überall große Erfolge - außer in Deutschland, wo seine Werke 1938 der "entarteten Kunst" zugerechnet werden.
FG, zu Lebzeiten hochgeehrt und bestens vernetzt, wird im wachsenden deutschen Antisemitismus zunehmend totgeschwiegen. Seine schöne spätromantische Welt gab es bekanntlich nicht mehr lange und Menschen wie die Gernsheims in Worms auch nicht.
Und was ist eine Gernsheimiade?
Titel oder Gattungsbezeichnung in spe? Weiss man noch nicht. Was man weiß: "Gernsheimiade" steht für Verbundenheit und bürgerliches Engagement für unsere Stadt, für gründliche Beschäftigung mit der Materie ebenso wie für eine innerstädtisch-familiäre Atmosphäre, in der viele bereit waren, ihre Kenntnisse und Fertigkeiten, ihre Ressourcen und ihre Erfahrung und viel Arbeit einzubringen. Für einen neuen Rahmen für die schöne Musik, die wir uns und Ihnen vertraut machen möchten.
Katharina Schmitt